Der sympathische Radsportverein im Südosten von Berlin

| Berlin - Anderlecht (bei Brüssel) |

04.07- 13.07.2009

Wie in fast jedem der vergangenen Jahre sind die Britzer Möwen auch in diesem Sommer wieder auf eine grössere Reise gegangen.

Die Etappenfahrt nach Brüssel-Anderlecht sollte die Reihe der Besuche in die Partnerstädte des Bezirks Neukölln fortsetzen. Nachdem die Planung im Verein bereits seit längerem angelaufen war, stellte es sich aber bei Gesprächen mit dem Bezirksamt Neukölln heraus, dass die Städtepartnerschaft bereits vor einiger Zeit zum Erliegen gekommen war. Für die Möwen allerdings kein Grund das Projekt einzustellen, schliesslich hatte man bereits einiges in die Vorbereitung investiert, sei es durch Streckenplanung, Hotel- bzw. Jugendherbergsbuchungen oder Versuche der Kontaktaufnahme mit ortsansässigen Radsportvereinen in Anderlecht. Hier hatte man auch das Bürgermeisteramt angeschrieben und um logistische Hilfe gebeten.

Genau so wenig wie Neukölln hilfreich war, so waren es auch die Belgier: weder die angeschriebenen Vereine noch die Bürgermeisterei in Anderlecht würdigten den kleinen Radsportverein aus Berlin – Britz einer Antwort. Die Enttäuschungen an diesem absoluten Desinteresse entmutigten die Möwen aber nicht.

Kontakte zu Vereinen in Nordrhein-Westfalen wurden geknüpft, um sich durch ortsansässige Radler auf verkehrsarmen Strassen und Nebenwegen führen zu lassen. Und diese Versuche waren durchaus erfolgreich, denn durch das grosse NRW wurden die Möwen im Wechsel von 4 unterschiedlichen Gruppen sicher und ohne Aufenthalt bis an die holländische Grenze geschleust. Am 4. Juli 2009 ging es morgens los, und neun Möwen und drei Gäste aus befreundeten Berliner Vereinen nahmen die Reise von etwa 950 Kilometern in Angriff.

Die erste Etappe führte bei schönem Wetter, aber bei erhöhten Ozonwerten der Luft in das Städtchen Zerbst nahe der Elbe, das man am späten Nachmittag ereichte. Am nächsten Tage ging es bei weiterhin schönem Wetter bis in den Harz; man hatte sich ja inzwischen eingerollt. Die dritte Etappe durch den Harz brachte dann den ersten Regen in Bad Harzburg; aber der konnte den Spass am Radfahren noch nicht bremsen; irgendwann hört er ja immer auf!

Am 4. Reisetag dann die erste Begegnung mit den Radsportfreunden aus NRW, die uns auf wunderschönen Wegen durch „ihr Revier“ begleiteten und sich später – nach Ankunft auf der Wewelsburg – noch zu einem Schwätzchen mit uns zusammensetzten, eine wirklich gute Erfahrung!. Weiter ging es dann am nächsten Morgen bei regnerischem und windigem Wetter mit zwei anderen Reisekameraden eines weiteren ortsansässigen Vereins nach Haltern am See, so recht von Böen geschüttelt und von Starkregen begleitet, und die Jugendherberge fernab von jeglicher Gastronomie, um sich den Magen zu wärmen - wie furchtbar.

Glücklicherweise zeigte sich der dann folgende Donnerstag von einer besseren Seite, und so konnten uns unsere nächsten einheimischen Guides bei schönem Wetter bis an den Rhein führen, wo uns am anderen Ufer diesmal sogar fünf Rennradler das weitere Geleit zu unserem letzten Ziel in Deutschland, Walbeck, gaben.

Auch hier gab es keine Besonderheiten zu vermelden, und der Abschied am nächsten Morgen fiel uns nur deswegen schwer, weil es in Strömen regnete und wir die Abfahrt deshalb um einige Zeit verschieben mussten. Letztlich aber begleitete uns der Hotelwirt auf seinem Einkaufsrad durch dichten Wald bis zu einer Strasse, die uns zur nächsten Fähre nach Arcen in den Niederlanden führte, und dann waren wir wieder auf uns allein und auf die vorher ausgearbeiteten Streckenpläne unseres Günther Steindorf angewiesen, die sich auf allen unseren bislang durchgeführten Etappenfahrten als hervorragend erwiesen hatten. Auch in Holland klappte das sehr gut; aber als wir dann Belgien erreicht hatten, hatte vieles seine Gültigkeit verloren. Die blauen Ortsschilder mit weisser Schrift zeigten keine Richtungen und/oder Kilometerangaben mehr an, und eine weitere Schwierigkeit bestand darin, dass dieselbe Ortsangabe oftmals nach einigen Kilometern wieder und wieder auftauchte, als würden wir von Kreuzberg nach Neukölln durch ein solches Schild geführt werden, und am Ortsanfang von Britz, Buckow und Rudow stünde jeweils wieder die Ortsbezeichnung Neukölln. Davon waren wir natürlich allereichlich irritiert, und die in die falsche Richtung gefahrenen Kilometer häuften sich. Letztlich aber und nach vielen Befragungen von Passanten – auch nicht immer ganz nüchternen - fanden wir nach schwachen 140 Kilometern doch noch zu unserer Jugendherberge „Boswachtershuis“ im Ort Westerlo, etwa 54 Kilometer vor Brüssel. Dort konnte die geschundene Seele mit warmer Suppe und vielen Nudeln wieder ins Gleichgewicht gebracht werden, und am Abend stieg die Stimmung bei unterwegs gekauftem Wein dann wieder auf das gewohnt fröhliche Niveau, und Wind und Regen des abgelaufenen Tages waren schnell wieder vergessen.

Gemütlich ging es dann am nächsten Morgen nach einem etwas längeren Schlaf als an den anderen Tagen in Richtung Brüssel. Es waren ja nur noch wenige Kilometer im Gegensatz zu dem, was vorher schon gefahren worden war. Aber siehe da, plötzlich begann wieder die Fahrerei im Kreise herum, auch um den Verpflegungswagen zu erreichen, musste wieder einiges zurückgefahren werden; denn die Betreuer warteten seit geraumer Zeit an anderer Stelle mit Kaffee, Keksen und Wurstbroten auf ihre Schützlinge. Zwischendurch gönnten diese es sich noch, einigen Runden eines auf offener Strasse ausgetragenen Derny-Rennens zuzuschauen, ehe sie ihre Futterkrippe aufsuchten. Die belgischen Überraschungen häuften sich also an jenem Tage, wobei der spätere Regen allerdings eher eine Gewohnheitssache war, aber auch alle Verwirrungen wurden letztlich gemeistert, weil ein mildgestimmter Brüsseler auf einem Einkaufsfahrrad die Truppe bis an ihr Hotel im Norden der Stadt geführt hatte.

Das Ibis-Hotel bot uns für einen „spezial price“ überwiegend Zweibettzimmer mit Frühstück zu wirklich guten Konditionen, und so konnten wir uns auf ein ganz entspanntes Wochenende freuen. Wenn nur der Regen aufhören wollte! Und Petrus tat uns wirklich diesen Gefallen, so dass wir schöne Spaziergänge durch die Stadt machen konnten. Dazu hatte sich unser Sportfreund Werner Fuhrmann etwas einfallen lassen, damit wir nicht nur planlos in der uns unbekannten Großstadt herumliefen. So trotteten wir, seinen Erklärungen lauschend, durch die imposante Innenstadt mit ihren wunderbaren alten Gebäuden aus einer Zeit, als es die Bürger Flanderns durch ihre Handwerkskunst wie der Herstellung von Brüsseler Spitzen, von Teppichen und anderen Webwaren zu grossem Reichtum gebracht hatten.

Heutzutage ist der Ruhm jedoch verblasst, und wir Berliner waren erstaunt darüber, wie vernachlässigt vieles ist, und besonders die Strassen und die Strassenbeläge fordern zur Kritik heraus; einige unserer Sportfreunde wollen seit diesem Stadtbesuch nie mehr über den Zustand der Berliner Strassen schimpfen. Und das will schon einiges heissen!

Am Montag folgte noch ein Gang vorbei am Gebäude der Europäischen Kommission, wo iranische Kurden gerade grosse Demos organisiert hatten, um die Europäer auf ihre wieder einmal kritische Situation in ihrer Heimat aufmerksam zu machen. Auch das königliche Schloss konnte von aussen betrachtet werden, genauso wie eine Anzahl grosser Kirchen und Kathedralen, die ihren Ebenbildern in Frankreich in nichts nachstanden. Auch das Atomium, den Mittelpunkt der ehemaligen Weltausstellung konnten wir noch besteigen und einen ausgiebigen Rundblick über die Stadt geniessen, ehe wir uns langsam zum Abflug nach Berlin zum Flughafen begeben mussten.

Insgesamt gesehen war es eine sehr schöne Reise, darüber waren sich alle Teilnehmer einig. Hier zählten nicht das teilweise sehr schlechte Wetter, die vielen Reifenpannen oder die teilweise unerfindlichen Strassenführungen, sondern es zählten die Eintracht und die Harmonie im Team und die Freude an dem gemeinsamen Erlebnis, die mit viel abendlichem Witz und Humor gewürzt wurden.

Vielen Dank daher allen Mitfahrern und natürlich den beiden Mitfahrerinnen für ihre besondere Fürsorge. Auch Dank an jene NRW-Radsportfreunde, die uns sach- und ortskundig und auf wunderschönen verkehrsarmen Strassen durch ihre Landschaften geführt haben.

Wir wissen dies nach schlechteren Erfahrungen der vergangenen Städtereisen besonders zu würdigen!

Harald Langner