Der sympathische Radsportverein im Südosten von Berlin

| Masuren |

31.07- 10.08.2010

Möwe Britz Goes East

Nach bisher 9 Etappenfahrten in die Partnerstädte unseres Heimatbezirkes Neukölln, die uns überallhin in Europa geführt hatten, sollte nun - zur 10. und der Jubiläumstour, der den meisten Möwen bisher "unbekannte Osten", der Nachbar Polen, erforscht werden.Ziel war dabei Masuren, das ehemalige Ostpreussen, dessen Strassen und Wege, dessen Landschaft und natürlich auch dessen Bewohner kennen zu lernen.

Und, um es gleich vorweg zu nehmen, es ist wieder eine wunderbare Tour geworden, zwischzeitlich ein wenig durch menschliche Unzulänglichkeiten getrübt; aber das hat dem Fahrvergnügen und der Freude an Land und Leuten letztlich nicht geschadet. Mit zwei Begleitwagen begann die Tour am 31.7 und führte bei herrlichem Sonnenschein den Europaradweg R1 entlang Richtung Polen; die Grenze wurde über die Oder bei Küstrin überschritten und nach etwas mehr als 150 Kilometern war das erste Etappenziel in Osno-Lubuskie ohne Zwischenfälle erreicht.

Das galt nur nicht für unsere "Einkäufer" im begleitenden Lkw. Sie landeten in Kostrzyn / Küstrin in einer Art polnischen "Woodstocks", einem Open-Air-Konzert mit riesigem Andrang, der sie regelrecht einschloss und sie erst mit grosser Verspätung und "hängenden" Mägen" wieder zum übrigen Tross stossen liess. Die Hotelquartiere, von Deutschland aus über das Internet gebucht, waren bis auf eine Ausnahme auf der 3. Etappe (Wyrzysk) gut; allerdings ist die junge polnische Gastronomie noch nicht allerorten auf einen, wenn auch angemeldeten Ansturm von 20 hungrigen Radlern eingerichtet (Licze,5.Etappe) und hat den Gästen dann viel Geduld durch lange Wartezeiten abverlangt.

Auch der zweite Tag brachte mit seinem Sonnenschein wieder viel Freude und Spass am Radfahren, wenn man davon absieht, dass ein Teil der Radler sich verfahren hatte und teilweise in absoluter Wildnis gelandet ist, wo ein Jeep besser angebracht gewesen wäre als ein Rennrad.

Dafür ging es dann am nächsten Tag zur 3. Etappe wieder entspannt 135 km über zum Teil gute Asphaltsrassen und die Verstimmung des Vortages wegen schlechter Wege war bald vergessen. Dafür landeten wir am Nachmittag in dem einzigen nicht so guten Hotel unserer Tour, mehr eine Absteige für Trucker und der Komfort war diesen angepasst; wer sein Mehrbettzimmer im ersten Stock hatte, musste Toiletten und Nasszellen mit zwanzig fremden Menschen teilen und warten, bis mal ein Plätzchen frei wurde! Dies von Berlin aus zu erkennen ist natürlich nicht möglich, aber wir haben das überlebt! Der nächste Morgen brachte dann die nächste Überraschung: Es goss wie aus Kübeln! Wie froh waren die Sportfreunde, die an diesem Tag die Versorgungsfahrzeuge fahren durften und nicht in die Regengüsse hineinfahren mussten; aber die Fahrt ging ja weiter und ein Bleiben war nicht möglich; schliesslich war es ja eine Etappenfahrt. Doch nach 80 km im Regen hatte auch Petrus ein Einsehen und schloss endlich seine Schleusen und dann waren wir in Chelmno / Culm.

Wir sind hier im relativ neu errichteten Europäischen Zentrum untergekommen, an einem kleinen See, hübsch gelegen unterhalb der Stadt, deren alten Mauern wir abends ebenso bestaunen konnten, wie das ehrwürdige alte Rathaus und seinen grossen Marktplatz. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen gab es dann für unsere "Killermöwe" Günter noch eine Überraschung: Sein Berlin - Brandenburg - Trikot, war nächtens nach dem Waschen von der Balkonbrüstung verschwunden!

Was für eine Gemeinheit!

Sicher hängt es nun als polnische Nationalflagge aus irgendeinem fremden Fenster. Dann Aufbruch nach Licze; diesmal sollte die Etappe unter 100 km liegen und uns über Grudziazd / Graudenz durch das Weichseltal zu einem alten, wunderschönen und restaurierten Herrenhaus führen. Doch in Grudziazd war erst einmal wieder das grosse Suchen angesagt, weil der Radweg R1 an der Weichsel entlang wegen langwieriger Bauarbeiten gesperrt und ein Radweg durch die Stadt nicht angegeben war. Das kostete Zeit !!!!!

Durch die Hilfe freundlicher Einwohner ging es doch irgendwie weiter und vor Kwidzyn / Marienwerder verliessen wir den Radweg R1 und radelten weiter ostwärts, während der Europaradweg sich nun nach Norden in Richtung Ostsee wandte. Langsam hatte sich das Landschaftsbild vom relativ flachen Ackerland zu mehr Baum und Buschbestand mit ruhigen, relativ verkehrsarmen Strassen gewandelt und es wurde langsam auch hügeliger: Die Eiszeit machte sich mit ihren Moränen und sonstigen Anhäufungen von überwachsenen Sand- und Steinflächen bemerkbar und hin und wieder gab es an knackigen Anstiegen doch kleine Probleme für einige unserer "Berliner Flachlandtiroler".

Das Herrenhaus in Lisze aus dem Jahre 1664 war dann wirklich hochherrschaftlich wiederhergerichtet und gab einem einen guten Blick auf die damalige Zeit. Nur die Fütterung der einundzwanzig Hungrigen war, wie eingangs erwähnt, sehr schleppend und zog sich fast bis in die Nacht hin. Gut waren die dran, die vorher im Dorfladen in weiser Voraussicht ein paar Würste vertilgt hatten!

Am 5.8. ging es dann weiter nach Olstynek, schon lockten die Masuren in der Ferne und das Etappenziel schien nahe. Doch hatte die Truppe die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Zunächst gab es auf der Strasse nach Ostroda einen sehr starken Auto und Lastwagenverkehr, dann hinter der Stadt auf geradem Wege nach Olstynek, ging der Weg plötzlich über in eine mittelalterliche Pflasterstrasse, umgeben von Wald und zu grossen Teilen auch mit Sand von vorherigen Überschwemmungen überdeckt und das über eine Berg- und Talstrecke von etwa 12 km! Eine ganz böse Überraschung, aber irgendwie ist man streckenweise auch zu Fuss, mit dem Rennrad da durchgekommen. Eine typische Crossfahrt, auf die man nicht eingestellt war.

Dafür konnte man sich dann nach der Ankunft im Hotel nach einem erfrischenden Bad und einem guten Essen richtig erholen und der Wirt hat sich und uns bei der Abrechnung am nächsten Morgen auch noch die Mehrwertsteuer erspart. Wenn das nichts war!

So ging es auf die letzte Hauptetappe zum eigentlichen Ziel nach Mikolajki, einem trubeligen und quirligen Urlaubszentrum für Einheimische und Gäste aller möglichen europäischen Länder, das nach 135 km erreicht war.

Hier gab es, wie überall in Gebieten mit viel Wasser, einen Hafen für Dampfer, Jachten, Ruder und Segelboote und für alles, was das Wasser nur tragen kann. Dazu natürlich alle nur denkbaren Etablissements für Vergnügung und Unterhaltung, kurzum es herrschte ein tolles Ferien- und Urlaubsleben für alle.

Am nächsten Tage liessen wir dann bei einer kürzeren Etappe von etwa 70 km mit Umwegen nach Gizycko/Lötzen die Zügel schleifen und die Seele baumeln: Immer an den herrlichen riesigen Seen entlang und dort, wo es schön war, liessen wir uns nieder, um die Landschaft zu geniessen und auf uns wirken zu lassen. Eine Runde zu schwimmen, um dann mit einem herrlichen Gefühl von Sauberkeit und Frische weiter zu radeln, war ebenso angesagt. Der Samstag verging so wie im Flug.

Am Sonntag trennten wir uns für verschiedene Unternehmungen. Ein Sportfreund wollte noch eine grosse 150 km Runde um die Seen fahren, andere besuchten die Wolfsschanze, die Langzeit- u. Befehlsstation Hitlers im 2. Weltkrieg, sowie die Kirche in Heiligelinde mit ihrer weltberühmten Orgel, um dann per Rad oder mit einem Schiff nach Mikolajki zurückzukehren.

So ging eine weitere Etappenfahrt langsam zu Ende. Der Montag war noch mit allen möglichen Aktivitäten, wie Dampfer oder Kanufahren oder ähnlichem ausgefüllt, aber am Dienstag musste dann wieder entgültig Abschied genommen werden, der Bus, der die meisten Radler zur Bahn bringen sollte, konnte nicht warten.

Mich persönlich hat am meisten berührt, dass man seinen Ausweis oder Pass auch gut hätte zu Hause liegen lassen können; er wurde nur einmal zur Hotelanmeldung benötigt, nicht aber zur einer Grenzabfertigung, die es nicht mehr gibt. Wunderbares Europa!

Beeindruckt haben mich neben den Schönheiten der Natur mit ihren riesigen Seen, grünen Wäldern und Feldern mit dem fast immer blauen Himmel, auch die Freundlichkeit u. Hilfsbereitschaft unserer Nachbarn, wenn wir mit Händen u. Füssen oder mit einem Zettel in der Hand Auskünfte benötigten. Auch die Rücksichtnahme der Autofahrer auf den Landstrassen gegenüber den Radfahrern ist zu erwähnen. Kaum einmal ist die Radeltruppe bei Gegenverkehr von einem Autofahrer überholt worden, fast immer wurde gewartet, bis der Gegenverkehr vorüber war. Schön wäre es, wenn sich dies in Berlin / Brandenburg auch einbürgern würde; aber man kann ja nicht alles haben.

Harald Langner 20.09.2010

Hier die Auflistung der Etappen:

# Datum Ziel Km
1 Sa., 31. 07. Berlin > Osno Lubuskie 134
2 So. 01.08 > Krzyz Wielkopolski 146
3 Mo., 02. 08. > Wyrzysk 137
4 Di., 03.08. > Chelmno 139
5 Mi., 04.08. > Licze 88
6 Do., 05.08. > Olsztynek 122
7 Fr., 06.08. > Mikolayki 134
8 Sa., 07.08. > Gizycko 119
9 So., 08.08. > Mikolayki 136
10 Mo., 09.08. Ruhetag
11 Di., 10.08. Rückfahrt ges. 1155